Gedenkveranstaltung zu 80 Jahre KZ-Außenstelle Dachau in Friedrichshafen
Veranstalter: Thomas Kliebenschedel, Initiative KZ Gedenkstätte Friedrichshafen
Rede von Bernd Caesar, SPD Kluftern, 30.6.2023
Sehr geehrte Teilnehmer an der Gedenkveranstaltung,
sechzig Jahre nach dem Ende des Nazi-Terrors in Deutschland stößt Amelie Fried durch Zufall auf ein Familien-Tabu, auf ein Familien-Trauma. Die Rede ist von Amelie Fried, der erfolgreichen Journalistin und preisgekrönten deutschen Buchautorin. Sie sagt, über ihre Familiengeschichte wurde nicht gesprochen. Und was sie durch Zufall erfährt, raubt ihr fast den Atem. Sie hat das Gefühl, an Rande eines Abgrunds zu stehen (siehe Q1).
Ist sie auf Nazi-Verbrecher in ihrer Familie gestoßen? Nein, umgekehrt, auf Nazi-Opfer in ihrer Familie. Großonkel Max und Großtante Lilli betreiben das Schuhhaus Pallas in Ulm. Mit der Machtergreifung der Nazis Anfang 1933 beginnt ihr schleichender Leidensweg: Demütigung, Entwürdigung, Entrechtung, Verhaftung, und 1943 Ermordung im KZ Ausschwitz (siehe Q2).
Immer wieder erfahren wir von Opfer-Familien, in denen die Nachkommen noch über Generationen hinweg schwer traumatisiert sind, über das erlittene Unrecht nicht reden können.
Ganz anders geht es den Helfern der Diktatur. Ein Beispiel: Eintritt in die SS im September 1933, als schon Verhaftungswellen über das Land gegangen sind, nach Beendigung des Aufnahmestopps Eintritt in die NSDAP 1937, Karriere im Machtapparat des Auswärtigen Amts. Solche Helfer machen auch nach 1945 Karriere. Der renommierte Historiker Howard Zinn sagt dazu: "Historisch gesehen sind die schrecklichen Dinge – Krieg, Völkermord und Sklaverei – nicht durch Ungehorsam entstanden, sondern aus Gehorsam."
Unser Aufruf heute ist: Wehret den Anfängen. Sprecht über die Vorbilder aus der Geschichte und ehrt sie. Diese Vorbilder sollten Ehrenbürger einer Stadt sein. Ich denke da auch an Georg Elser, der für einige Monate in Friedrichshafen gewohnt hat.
Machen wir einen gedanklichen Sprung in den Oktober 1943. Das V2-Werk bei Raderach ist fertiggestellt. Auf den Raketen-Prüfständen kann mit den Triebwerkstests begonnen werden. Im Barackenlager für die Bauarbeiter am V2-Werk wohnen mehrere hundert Arbeiter. Sie bekommen Lohn, haben Kranken- und Rentenversicherung. Doch dann trifft sie ein tödlicher Schlag. Durch Befehl aus der Reichsregierung in Berlin werden von heute auf morgen aus den Arbeitern KZ-Häftlinge. Insgesamt 417 Arbeiter sind namentlich bekannt.(siehe Q3)
Ich habe mir willkürlich die Schicksale von sechs dieser Männer näher angesehen, aus Griechenland, aus Frankreich, aus Belgien (siehe Absil, Paul aus Belgien: https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/5407426?s=28922&t=1547844&p=0), aus den Niederlanden und aus Russland. Darunter vier junge Männer im Alter von 19 bis 22 Jahren (siehe Q3).
Von Friedrichshafen kamen sie in das KZ-Buchenwald. Von dort wurden sie in das KZ Mittelbau-Dora im Harz verlegt, mussten in den Stollen Schwerstarbeit leisten, in den kalten, nassen Stollen schlafen und starben unter diesen brutalen Bedingungen innerhalb weniger Monate. Vernichtung durch Arbeit.
Wehret den Anfängen. Über die Anfänge sind wir heute schon hinaus, wie das Wahlergebnis in Thüringen zeigt. Wir brauchen aber gar nicht so weit zu schauen. Auch in Friedrichshafen gibt es heute erschreckende Beispiele für Demokratie-Gegner und Leugner der Nazi-Verbrechen. Kämen sie an die Macht, ist uns der Weg in den Abgrund vorgezeichnet. (siehe Q4)
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Quellen: Q1 BR Fernsehen, Nachtlinie, 2022 Interview mit Amelie Fried;Q2 Amelie Fried, „ Schuhhaus Pallas“, 2008, Hanser Verlag; Q3 Arolsen Archives: https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/5282357?s=5282357&t=226695&p=0 ; Q4 Südkurier FRIEDRICHSHAFEN/NEURUPPIN 21. November 2018, 21:23 Uhr "AfD-Eklat in Gedenkstätte Sachsenhausen", Kerstin Mommsen